Keimform

Syndicate content
Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Updated: 7 hours 50 min ago

70200 für 33 Sekunden

Thu, 08/21/2008 - 07:21

Der Berliner Künstler Johannes Kreidler möchte sein neues Werk “product placements” — einen 33-Sekunden-Remix, der Soundelemente aus 70200 Songs umfasst — ganz formgerecht bei der GEMA anmelden und lädt Kameras und Schaulustige zur Übergabe der 70200 Formulare ein. Die Aktion beginnt am 12. September um 11 Uhr auf dem Wittenbergplatz in Berlin. [via]

Categories: Tech Pol

Was ist und zu welchem Ende betreiben wir Antipolitik?

Wed, 08/20/2008 - 18:14

Seit Robert Kurz’ Artikel “Anti-Politik und Anti-Ökonomie” ist im Zusammenhang mit Keimformen oft von der sogenannten Antipoltik die Rede. Dieser Begriff ist für viele verwirrend und auch für mich ist er noch immer alles andere als geklärt.

Aus Leipzig erreichte mich nun kürzlich ein schon älterer Artikel (2002), der versucht genauer zu umreißen, was Antipolitik eigentlich sei. Das versucht er auf zwei Weisen. Zunächst wird eine lange Liste aufgeführt, die positiv darstellen soll, was antipolitisch ist. Da kann ich bei den meisten Punkten nicken, bei anderen wieder nicht. Schließlich versucht er den Begriff noch negativ zu bestimmen, also zu untersuchen, wie genau das Verhältnis von Politik und Antipolitik sich darstellt. Dabei wird ein erstaunlich simpler Politikbegriff unterstellt. Der reduziert sich nämlich auf

“Politik geht vom Staat aus oder ist auf ihn bezogen.”

Auch in Robert Kurzens Artikel wird von einem ähnlichen Politikbegriff ausgegangen, wenn auch mit blumigeren Worten.

Das hat mich angespornt mal in politikwissenschaftlicher Literatur zu stöbern. Ich wurde dann fündig im “Handbuch Politikwissenschaft“. Das ist zwar schon etwas angestaubt (1987), aber
dort heißt es unter dem Stichwort “Politik” (ein Stichwort “Antipolitik” gibt es leider nicht):

“Unter systematischen Aspekten lassen sich jedoch folgende inhaltliche Ebenen von Politik differenzieren:

  1. Politik beinhaltet Ziele, Zwecke und Normen;
  2. Politik bezieht sich auf den Staat;
  3. Politik bedeutet soziales Handeln.”

Neben der von den Antipolitikern genannten Ebene scheint es also durchaus noch weiteres zu geben, was man gemeinhin unter “Politik” versteht, zumindestens an den Unis. Das führt natürlich zu einer Reihe von Fragen: Soll sich Antipolitik auch gegen die anderen beiden Bereiche der Politik wenden? Oder reduziert sie sich ganz simpel auf Anti-Staatlichkeit? Beide Extreme finde ich nicht besonders vielversprechend. Weder möchte ich ganz auf Ziele und Zwecke (und Normen?) noch auf soziales Handeln verzichten. Dennoch war mein intuitives Verständnis von Antipolitik immer weiter gefasst als nur als Kritik staatsbezogenen Handelns. Für mich ging es dabei immer auch um die Anzweiflung des “Wir“, die Instrumentalisierung des Gemeinwohls und den Kampf um Partikularinteressen nicht nur im Staat, sondern auch in Institutionen aller Art.

Wenn man sich der Begriffsgeschichte von “Antipolitik” zuwendet stellt man fest, dass der Begriff bei osteuropäischen Dissidenten zur Zeit des Staatskommunismus sehr beliebt war. So findet man in einem ansonsten etwas verschwurbelten Text über diese Zeit eine interessante Definition von Antipolitik:

“Der Argwohn der Dissidenten gegenüber dem kommunistischen Staat und seiner offiziellen Ideologie, dem Marxismus, fand seinen Ausdruck in der Idee der Anti-Politik. Die Anti-Politik richtete sich nicht nur gegen den Staat, sondern gegen jegliche Form institutionalisierter Politik. Die Anti-Politik stand nicht nur dem Kommunismus feindlich gegenüber, sondern jeglicher dogmatischen politischen Ideologie. Dennoch wäre es ein grobes Mißverständnis, das Ideal der Anti-Politik als apolitisch zu betrachten. Im Gegenteil ermöglichte es, daß das Handeln des Einzelnen durch die Befreiung von den Beschränkungen institutionalisierter Politik und des schematischen Denkens innerhalb eines abstrakten ideologischen Rahmens authentische Bedeutsamkeit erlangte: In diesem Sinne wurde das Persönliche politisch. Das Ideal der Anti-Politik ermutigte die Menschen zu handeln, “als ob sie frei seien” und die Verantwortung, die eben diese Freiheit mit sich bringt, zu übernehmen. Anti-Politik war also keine prinzipienlose Politik, sondern einfach eine “Politik ohne Cliché”.”

Das klingt sehr anschlußfähig an unsere Debatten. Vielleicht liegen da noch alte Perlen begraben?

Btw: Wenn man nach “Antipolitik” googelt findet man neben einem weitverbreiteten Unwillen zu verstehen, daß Antipolitik nicht unpolitisch ist, auch noch Leute, die Antipolitik für eine Vorstufe des Totalitarismus halten. Aber letzteres hab ich ehrlich gesagt nicht kapiert, trotz lesen. Vielleicht kann mir das ja jemand erklären?

Categories: Tech Pol

Sind Freiräume Keimformen?

Mon, 08/18/2008 - 07:54

Einem Artikel bei Emanzipation oder Barbarei entnehme ich, dass man scheinbar die in der Linken immer wieder gerne genannten “Freiräume” mit “Keimformen” verwechseln kann. Wie das? In dem Artikel heisst es am Schluß:

Was es statt Kapitalismus dann geben könnte, weiß allerdings niemand so richtig. Keimformen, meinen die einen. Andere halten das hingegen für regressiv. Aber dazu vielleicht später mehr.

Ich hab mich ja schon gefreut, dass sich vielleicht mal endlich jemand aus der radikalen Linken substantiell und gerne auch kritisch mit unseren Thesen auseinandersetzt und stürzte mich also auf den verlinkten Text. Leider mußte ich dann aber feststellen, dass da garnichts über Keimformen drinsteht. Das Wort kommt im Text noch nicht mal vor. Statt dessen geht es nur um das Verhältnis von Theorie und Praxis am Beispiel zweier momentan verbreiteten Szene-Hypes, eben zum einen den “Freiräumen” und zum anderen den Theoriezirkeln (wobei beides wohl eher evergreens als hypes sind). Lustigerweise kann ich dem Text, der mir als Keimformkritik präsentiert wird in weiten Teilen zustimmen, wenn es dort zum Beispiel heißt,

“Die Vorstellung, innerhalb des Freiraums die gesellschaftlichen Zwänge abzumildern oder gar aufzuheben und so letztlich den Kapitalismus zu überwinden, ist folgerichtiger Weise zweckoptimistisch und nur begrenzt reflektiert. Das kann nur funktionieren, wenn die Existenz des Kapitalismus an das unmittelbar bewusste Wollen und Handeln der gesellschaftlichen Akteure geknüpft ist. Sobald nur der Wille bestünde, aus dem Kapitalismus auszusteigen, würde sich das entsprechende Tun, die Praxis, von selbst ergeben. Oder einfacher ausgedrückt: Wer nur will kann jederzeit und überall aus dem Kapitalismus aussteigen. Die Attraktivität dieses Konzepts mag aus der relativen Perspektivlosigkeit linker Praxis resultieren. Wenn es gerade keine starke linke Bewegung gibt und auch keine in Sicht ist, scheint es am angenehmsten oder sinnvollsten zu sein, sich in sein autonomes Jugendzentrum oder sein linkes Wohnprojekt zurückzuziehen und zu versuchen das bisschen Spielraum, was geblieben ist, zu verteidigen. Die Verteidigung des bestehenden Freiraums, etwa eines besetzten Hauses, wird dabei leicht zum einzigen politischen Projekt und bindet Kapazitäten, anstatt welche zu schaffen. Sich dabei noch einzureden, es ginge um eine grundsätzliche Umwälzung der bestehenden Verhältnisse, bzw. dass diese Verhältnisse im Freiraum bereits aufgehoben wären, greift zu kurz.”

finde ich das völlig richtig. Und genauso ist die Begrenztheit theoretischer Kritik dort gut gefaßt in den Worten

“So wenig wie blinder Bewegungsaktionismus etwas mit realer gesellschaftlicher Bewegung zu tun hat, so wenig ist Theorie kritisch, die sich darauf beschränkt, bloß die bestehenden Verhältnisse zu beschreiben, anstatt ihnen den Kampf anzusagen. Sie muss darüber nachdenken, wie die formulierte Kritik praktisch werden kann - im materialistischen Sinne einer Aufhebung des falschen Ganzen. Nicht die Hinwendung zu einer gründlichen Analyse und zunächst ganz unpraktischen Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse ist also das Problem der Theoriearbeit - wie es von BewegungsfetischistInnen moniert wird -, sondern die Abkehr vom Wunsch, die entwickelte Kritik wirkungsmächtig, also praktisch werden zu lassen.”

Das dann aber ein eigener Block auf einer Demo die Antwort auf diese Probleme sein soll, sehe ich nun gerade nicht. Aber darum solls jetzt mal hier nicht gehen, sondern um den Unterschied von Freiräumen und Keimformen.

Keimformen unterscheiden sich von Freiräumen vor allem dadurch, dass sie nicht versuchen einen Raum außerhalb des Kapitalismus zu schaffen, sondern dass sie versuchen, nichtkapitalistische Logik im Kapitalismus umzusetzen. Durchaus mittendrin. Das klingt natürlich widersprüchlich ist es aber dann nicht, wenn man sich klar macht, dass Kapitalismus ja nun mal sowieso schon eine ziemlich widersprüchliche Angelegenheit ist.

Dabei können sich Freiräume durchaus zu Keimformen entwickeln, wenn es ihnen gelingt sich einzumischen. Wenn sie also aus der oben geschilderten lähmenden Defensive rauskommen. Eine Freie Schule z.B. ist zunächst mal ein Freiraum in dem man die eigenen Kinder vor den Zwängen des Schulsystems schützen will (was ja etwas sehr wertvolles ist, aber eben nunmal nicht besonders transformierend). Wenn es aber gelingt darüber auf die gesammtgesellschaftliche Entwicklung Einfluß zu nehmen, kann daraus durchaus etwas keimförmiges werden. Umgekehrt können aber auch Entwicklungen wie z.B. die Freie Software, die nun eigentlich garnichts von einem Freiraum hat, zu Keimformen werden. Freiräume sind also nicht privilegiert Keimformen zu werden, es ist auch nicht ihr einziger Zweck und oft auch nicht ihr wichtigster.

Categories: Tech Pol

Payment for peer production

Thu, 08/14/2008 - 20:04

[Deutsche Übersetzung unten - german translation below]

This is a repost from Michel Bauwens in P2P-Foundation Blog. Michel writes:

In a recent discussion on Oekonux, I came up with the following gradation of payment vs. voluntary contributions in peer production, which echoes the distinction made by Oekonux between singly-free software (a commons as output, but input is wage labour); and doubly-free software (commons output and participatory input).

Here is the model, which I think might be useful for analytical purposes:

  1. voluntary contributions to a commons, without direct salary and payment (though another means of subsistence is necessary). This was the case for early Linux development.
  2. payment with freedom, which corresponds to a kind of unofficial basic income: in this scenario, practiced to some degree in the corporate commons that Linux has become, programmers have varying degrees of freedom to voluntarily contribute, without command and control of those that pay the salary
  3. conditional payment with relative freedom: paid freelance work on extending a (software) commons., The freedom is that by choosing your clients, you can exert an important degree of influence of what part of the commons you are contributing to
  4. conditional payment without freedom: those that pay you direct your work entirely, this would be the classic command and control corporate setting, with only the output going to the commons

Deutsche Übersetzung / german translation:

Das ist ein Repost eines Beitrages von Michel Bauwens im P2P-Foundation Blog. Michel schreibt:

In einer Diskussion, die kürzlich bei Oekonux stattfand, brachte ich folgende Abstufungen von Bezahlung vs. freiwilligen Beiträgen ein, die sich auf die Oekonux-Unterscheidung von Einfach Freier Software (Commons als Output, aber Input durch bezahlte Arbeit) und Doppelt Freier Software (Commons Output und partizipatorischer Input) bezieht.

Hier ist das Modell, dass — so denke ich — für analytische Zwecke nützlich sein kann:

  1. Freiwillige Beiträge zu den Commons ohne direktes Gehalt und Bezahlung (wobei andere Mittel der Subsistenz notwendig sind). Dies war der Fall bei der frühen Linux-Entwicklung.
  2. Bezahlung mit Freiheit, die einer Art inoffiziellem Grundeinkommen entspricht: In diesem Szenario, das bis zu einem gewissen Grad im Bereich der firmengetragenen Commons wie Linux praktiziert wird, haben Programmierer unterschiedliche Freiheitsgrade für freiwillige Beiträge ohne Kommando und Kontrolle durch diejenigen, die das Gehalt bezahlen.
  3. Bedingte Bezahlung mit relativer Freiheit: bezahlte Freelancer-Arbeit zur Ausweitung von (Software) Commons. Die Freiheit besteht darin, die Kunden zu wählen, und man kann ein gewichtiges Maß an Einfluss darauf ausüben, zu welchen Commons-Arten man Beiträge leistet.
  4. Bedingte Bezahlung ohne Freiheit: Diejeingen, die die Arbeit bezahlen, bestimmen sie auch vollständig. Das wäre das klassische Kommando- und Kontroll-Setting in Unternehmen, wobei jedoch der Output Teil der Commons wird.
Categories: Tech Pol

Erste Eindrücke von der Freien Schule Frankfurt

Mon, 08/11/2008 - 09:35

Mein Sohn geht jetzt seit einer Woche auf die Freie Schule Frankfurt. Ich habe mir vorgenommen gelegentlich hier darüber zu bloggen. Zum einen weil ich denke, dass im Bildungsbereich viele Möglichkeiten für Keimformen lauern und zum anderen aber auch, weil ich mir neben den harten Fakten und Konzepten in der Zeit als wir uns für eine Schule entscheiden wollten mehr athmosphärische, persönliche Eindrücke gewünscht hätte und ich auch schon von einigen Leuten nach genau sowas gefragt wurde.

Das wichtigste erstmal zuerst: Er fühlt sich pudelwohl und ist momentan geradezu euphorisch. Irgendwas müssen sie da also wohl richtig machen. Ich war nur ein paar Stunden mit da und hab vom eigentlichen Schulbetrieb also momentan auch nur einen kleinen Eindruck, da die Eltern nach der Eingewöhnung während der Schulzeit eigentlich auch nicht anwesend sein sollen, wird sich das auch in Zukunft meistens auf indirektes Erleben beschränken. Auffällig fand ich wieder die enorme soziale Kompetenz der Kinder, wodurch die ältesten schon ziemlich “erwachsen” wirken. Außerdem wirkt dieses Haus auf eine Weise lebendig, die man sonst nicht kennt. Ich hab auch den Eindruck, dass es Lino sehr gefällt, in einem ganzen Haus rumlaufen zu können und so dem größten Trubel nicht so ausgeliefert zu sein wie vorher im Kindergarten. Es ist also zum einen immer was los und zum anderen kann man sich immer zurückziehen. So sollte es sein - und nicht nur an der Schule.

Teil des Konzeptes der Schule ist es auch, dass alle Kinder - unabhängig vom Alter, ob 3 oder 13 - ein Euro pro Tag Taschengeld kriegen. Damit ist er erwartungsgemäß noch völlig überfordert - vielleicht auch, weil wir es versäumt haben, dass schon vorher zu “üben”. Bisher ist eigentlich noch jeden Tag was lustiges mit dem Geld passiert. Am ersten Tag hat er es auf den Gehweg geschmissen und auf Nachfrage gesagt: “Macht doch nix, ich krieg ja morgen wieder eins.” Da ist also für die nächsten Wochen wohl für wertkritische Unterhaltung gesorgt. Und soviel teurer als Kino ist es schließlich auch nicht.

Als besonders an der Schule empfinde ich - neben dem offensichtlichen, dass es eine Schule ist, an der die Kinder lernen was sie wollen und nicht was sie müssen - auch, dass sie schon so alt ist. Bald 35 Jahre sind sehr viel für eine Freie Schule und es ist wohl auch die älteste ihrer Art in Deutschland. Die haben also schon einige Krisen hinter sich und daraus gelernt. Das ist ein großer Erfahrungsschatz, der da angehäuft wurde. Leider geht damit bei einigen scheinbar auch eine Angst vor neuen Eltern einher. Das liegt wohl auch zu einem großen Teil daran, dass durch einen Generationswechsel bei den Kindern auf einen Schlag ziemlich viele neue Eltern in die Schule gekommen sind. Ich hab durchaus Verständnis für diese Ängste, denn eine solche Institution bewegt sich ja tendenziell in einem feindlichen Umfeld. Diese Spannungen liegen also wohl in der Natur der Sache. Aber Spannungen sind ja immer auch eine produktive Chance. Bisher hab ich auch von der Streitkultur einen positiven Eindruck. Es ist ja gut, wenn es Konflikte gibt, so lange sie nicht lähmen.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass das nicht nur für meinen Sohn sondern auch für mich eine intensive und aufregende Woche war und ich sehr gespannt bin, wie es weiter geht. Ich hoffe ich komme dazu regelmäßig zu berichten, wie es mir da ergeht. Vielleicht noch ein kleiner Hinweis an die neuen Leser: Wenn ihr euch nicht für den Rest des Blogs interessiert (was ich natürlich nicht hoffe), könnt ihr über die Kategorie Lernen, die hoffentlich jetzt etwas mehr gefüllt wird, nur die bildungsbezogenen Artikel beziehen.

Categories: Tech Pol

Rezension zu »Beitragen statt Tauschen«

Fri, 08/08/2008 - 19:56

Dieter Koschek hat bei Amazon eine schöne Rezension (»Produktbeschreibung«) zu Christians Buch »Beitragen statt tauschen. Materielle Produktion nach dem Modell Freier Software« geschrieben. Mit Erlaubnis von Dieter re-poste den Text hier (Absatz-Einfügungen, Korrekturen und Links von mir):

»Es ist einfach erstaunlich, das Buch von Christian Siefkes („Beitragen statt tauschen“, erschienen in AG SPAK Bücher, 2008, aber auch unter Creative Commons Lizenz CC-BY-SA im Internet). Er entwirft, aufgrund seiner Erfahrung als Programmierer in Open Source- und Free Software-Projekten, seine Peer-Ökonomie als eine Alternative Ökonomie zum marktförmigen Kapitalismus und zur Planwirtschaft.

„Beitragen statt tauschen“ (so der Titel des Buches) geht von einer völlig neu orientierten Wirtschaftsweise aus: Auf Grund von Bedürfnissen nach bestimmten Produkten (oder Dienstleistungen) bilden Menschen eine Assoziation, um diese Dinge gemeinsam herzustellen und zu verteilen. Nicht der Markt und nicht das Geld (als Tauschmittel) spielen eine Rolle, sondern das Bedürfnis, die Fähigkeiten und der Spaß an der Sache. Der Spaß ist deshalb gewährleistet, weil das Prinzip auf Freiwilligkeit und Kooperation beruht. Die Menschen tun diese Dinge, weil sie es wollen. Da ist die Bedürfnisorientiertheit auf den einfachsten Nenner gebracht.

Nun kennen wir alle die Müllabfuhr, die keiner erledigen will. Mit der Selbstverständlichkeit eines erfolgreichen Programmierers nennt Siefkes drei Möglichkeiten diese notwendige Arbeit zu gewährleisten. 1. überlegt man sich, ob man diese Aufgabe nicht wegautomatisieren kann. Wenn dies nicht möglich sein sollte, dann werden 2. diese Aufgaben so aufgeteilt, dass nur ein kleiner Teil für jeden übrig bleibt, und wenn das nicht hilft, werden diese Aufgaben versteigert, so dass ein Tag Müllabfuhr vielleicht drei Wochen Programmieren entspricht — und schwups hat man fast drei Wochen Muße. Gearbeitet wird nicht für Profit und Verschwendung, sondern nur soviel wie die Bedürfnisse verlangen, also hat der Tag Müllabfuhr tatsächlich drei Wochen minus einem Tag Freizeit zur Folge. Die kann man dann nutzen wie man will. Allein hier werden schon die faszinierenden Bestandteile sichtbar: Arbeit als Spass, bedürfnisorientiert, keine Verschwendung, Freizeit.

Auch fasziniert Siefkes durch seine selbstverständliche Offenheit: die Menschen werden es sich so einrichten, wie sie es brauchen. Klugheit, Spass und Engagement werden Lösungen vorbringen, die gefallen. Dabei werden Entscheidungen fallen, die entweder vom Leader eines Projektes (dank seiner Fähigkeit) oder der Führungsgruppe gefällt werden, oder eben demokratisch, dadurch, dass Menschen aus Projekten fernbleiben und neue, eigene Projekte entstehen. Auch für die Nutzung (statt Eigentum) gibt es vielfältige, den jeweiligen Produkten angepasste Verteilungssysteme: Flatrates (zum Beispiel im Gesundheitswesen), Produktversteigerungen oder durch Beiträge dem Produktionsaufwand entsprechend.

Das Ganze basiert auf dem gemeinschaftlichen Eigentum der benötigten Güter. Während es mit Bytes relativ einfach ist, die Hardware den Entwicklern gehört oder in Assoziationen geteilt wird, wird es bei der materiellen Produktion dann etwas schwieriger. Doch wir begegnen hier wieder einem alten Bekannten: dem Fabricator, einer PC-gesteuerten Herstellungsmaschine, wie sie heute schon für Prototypen genutzt wird. Frithjof Bergmann hat ihn schon bei seinen Gedanken zu einer „Neuen Arbeit“ entdeckt und angeführt. Siefkes steht dieser Wundermaschine skeptisch gegenüber, aber er gibt der technischen Entwicklung jede Möglichkeit, die wir heute (noch) nicht erkennen können. Modulare Produkte, dezentrale Produktionsprozesse, Rapid Manufacturing sind Stichworte für die Veränderung der Produktion und damit der Energieversorgung und der Transporte.

Durch lokale oder regionale Versorgung mit Energie und auch etwa durch Fahrzeug-Pools werden sich die Verhältnisse auf eine materielle Produktion in einer Peer-Produktion einstimmen. Diese Projektideen überträgt er auf „die“ Gesellschaft: Lokale Projekte bilden regionale und überregionale Assoziationen, je nachdem wie groß die Aufgaben sind. Da nicht jeder Mensch in jeder Produktassoziation mitmachen kann sind Verteilungspools mit Aufwands- und Produktversteigerungen eine logische Folgerung. Dies trägt dann weiter bis zu Verteilungspools für Ressourcen, wobei erneuerbare Ressourcen von vornherein im Vorteil sind.

Schöne Ideen, was aber ist mit ihrer Verwirklichung. Auch hier hat Siefkes überzeugende Argumentationen: „All das ist möglich, aber wird es auch Wirklichkeit werden? Das ist eine Frage, die nicht ernsthaft beantwortet werden kann, da sie Ereignisse betrifft, die noch nicht geschehen sind. Die Zukunft ist nicht vorhersagbar. Aber ein Blick auf Vergangenheit und Gegenwart kann Anzeichen liefern – und es gibt positive Anzeichen. Ein Indiz ist, dass die Formeln, mit denen der Kapitalismus als Lösung aller Probleme propagiert wird, von Tag zu Tag hohler klingen. Immer mehr Menschen sind von materieller Verelendung betroffen; die Schere zwischen reichen und armen Menschen und reichen und armen Ländern öffnet sich immer weiter; das Gefühl vieler Menschen, außen vor zu bleiben, nimmt zu, was Hass und Fanatismus oder Resignation und Hoffnungslosigkeit befördert; Stärke und Häufigkeit von Umweltkatastrophen verschlimmern sich. Die meisten Menschen haben wahrscheinlich noch nicht verstanden, dass der Kapitalismus die tiefere Ursache dieser Probleme ist, aber immer mehr Menschen glauben auch nicht mehr ernsthaft daran, dass er sie lösen könnte. Noch zögern viele, sich diese Tatsache einzugestehen (oder sie gar offen auszusprechen), da sie keine besseren Alternativen kennen – und eine unbegründete Hoffnung scheint immer noch besser als Hoffnungslosigkeit. Aber sobald klar wird, dass es eine Alternative gibt, besteht kein Grund mehr, in dieser Selbsttäuschung zu verharren.“

Von uns hängt eben die Zukunft ab. Siefkes Buch gibt dazu eine Fülle von Anregungen, aber lesen Sie das lieber selber.«

Categories: Tech Pol